Auslandstierschutz - Vermittlung mit Herz aber doch bitte auch mit Verstand!

Ein Appell an alle Tierschutzvereine

Ein Appell an Tierschutzvereine, die Auslandstierschutz betreiben-
Vermittlung mit Herz aber doch bitte auch mit Verstand!

Lange haben wir überlegt, ob wir uns öffentlich äußern wollen. Wir können und wollen nicht länger schweigen.
Was zur Hölle läuft schief im Auslandstierschutz?!

Wenn man lange genug im Tierschutz aktiv ist, glaubt man irgendwann schon alles gesehen oder gehört zu haben. Nichts kann einen mehr wirklich schockieren. Doch was in der letzten Zeit hier passiert, macht uns einmal mehr fassungslos.
In den letzten Wochen haben wir 3 sogenannte „Rückläufer“ von anderen deutschen Tierschutzvereinen aufgenommen. Die Arbeitsweise der Vereine zeigte Parallelen: Alle drei Hunde sollten nach geplatzter Adoption auf den nächsten Transport zurück ins Heimatland gebucht werden; keiner der deutschen Tierschutzvereine beteiligte sich bis heute an den Kosten, die wir durch Aufnahme der „Flüchtlinge“ trugen.
Da haben wir also nun den Salat: 3 Neuankömmlinge bei uns, zwei Griechen, ein Spanier. Gemeinsamkeit: Integration in Deutschland vermeintlich gescheitert. Lösung der Tierschutzvereine – kurz und knapp: Abschiebung ins Heimatland – „nützt ja nix“. Eine Schippe oben drauf setzte unsere Yumie: Eine Woche später wäre sie mit 10 Welpen im Bauch zurück in Griechenland gelandet. Das konnten wir dann wohl gerade noch verhindern. Für George hatte der Verein gar einen „Abtretungsvertrag“ an die Adoptanten geschickt, indem alle Rechte und Pflichten schnellstmöglich auf die Adoptanten übertragen werden sollten. Gleichzeitig wurde diesen der Termin des nächsten Transports zurück nach Spanien genannt und mitgeteilt, mit welchen Kosten zu rechnen sei. Das i-Tüpfelchen: Der besagte Verein betreibt sogar einen eigenen Tierschutzhof. Dort sei nur kein Platz für den vorab als “super verträglich” beschriebenen George, weil man Angst um die anderen Hunde dort habe. Und auch von den Schwierigkeiten mit Charly nach der Adoption wollte der vermittelnde Tierschutzverein nichts mehr wissen, die Adoptantin musste zusehen, wie sie ein neues Zuhause fand – letztlich sind wir das geworden. Ein weiterer Herdenschutzhund in einem deutschen Tierheim: Wem kommt es bekannt vor?

Letztlich stehen wir mit diesen Erfahrungen sicher nicht alleine da. Immer wieder spielt sich das gleiche Spektakel in diversen Hundegruppen ab (Namen sind freie Erfindung): Hausfrau Gerda sitzt ab 10.30 Uhr mit Kaffeetasse vor ihrem Laptop und hämmert in die Tastatur. 20 Hunde im Shelter des Tierschutzvereins, dem sie sich verschrieben hat („beste Tierschützer der Welt“), suchen noch dringend, bevor der Winter einbricht, ein warmes Plätzchen in einer deutschen Familie. Gerda gibt sich Mühe – jeder Beitrag wird mit mindestens 10 Ausrufezeichen und 20 Herzen versehen. „Warum sieht ihn keiner????? Anton sucht schon so lang seine Familie, er will doch einfach nur gekuschelt und geliebt werden!!!!!!“. Familie Schmidt sucht in einer Hundevermittlungsgruppe nach folgendem Hund: “Jung, ab 6 Monaten, verträglich mit Kleinkindern und Katze, kann schon 5 Stunden am Tag allein bleiben, möglichst stubenrein“. Gerda wittert ihre Chance und schlägt mindestens 3 der Hunde im Shelter ihres Herzensvereins vor. Beschreibung passt zwar nicht, aber was nicht passt, wird eben passend gemacht. Familie Schmidt kullern beim Beitrag von Anton die Tränen. Der „Labbi-Mix“ ist zwar eigentlich zu groß und noch nicht stubenrein, aber er will doch unbedingt kuscheln und hat es doch so sehr verdient. Mitleid gewinnt. Familie Schmidt ist glücklich, Gerda auch. Wieder eine arme Fellnase gerettet. Gerda macht sich wieder an die Arbeit, schlägt weiter wahllos alle Hunde in der Hundevermittlungsgruppe vor, damit auch Familie Müller und Familie Schneider noch glücklich werden. In der Zwischenzeit bereitet der Verein die VK vor. Nicole besucht Familie Schmidt am nächsten Tag. Als Nicole Rücksprache mit dem Verein hält und ihre Zweifel an einer Vermittlung eines 65cm großen „Labbi-Mix“ an Familie mit zwei Kleinkindern in einer Stadtwohnung äußert, wird sie am Telefon “super Ernst genommen” und beschwichtigt. Am nächsten Tag wird Anton auf den Trapo gebucht „Er hätte doch sonst keine Chance gehabt“. Eine Woche später sitzt ein 65 cm Kalb auf dem Sofa von Familie Schmidt. 3 Tage später muss Anton „SOFORT (mit 10 Ausrufezeichen)“ weg.
Und was ist nun das Ende dieser netten Geschichte: Familie Schmidt ist traurig, sie hatte sich doch so auf ihren „Labbi“ gefreut. Reflektiert wird da nichts. Hätte man sich besser informieren müssen? Nein, man sei falsch beraten worden. Familie Schmidt geht also 1 Woche später zum nächsten Vermehrer um die Ecke und holt sich ihren 9 Wochen alten „Labbi-Mix“ aus dem Stall. Familie Schmidt ist glücklich und macht jetzt mit Freude die Scheißhaufen vom Teppich weg – einem Welpen kann man ja auch nicht böse sein –  der Vermehrer ist auch glücklich, der ist nämlich um 800€ reicher. Gerda schimpft auf die bösen Adoptanten, diese verantwortungslosen und herzlosen Menschen, Anton hätte doch nur ein bisschen mehr Zeit gebraucht. Der Tierschutzverein, für den Gerda „arbeitet“ hat schon lange die nächsten 100 Hunde vermittelt und keine Zeit mehr für Anton.
Und was ist mit Anton? Ein weiterer Versuch wird gestartet, dann noch einer, 3 Mal von Pflegestelle in neues Zuhause zu neuer Pflegestelle. Schließlich landet Anton im Tierheim. Er hat immerhin das Glück, dass ein Tierheim gefunden wurde, das ihn aufnahm. Viele Tierheime lehnen die Annahme von solchen Abgabetieren gänzlich ab. Anton ist übrigens ein Herdenschutzhund-Mix und hat mit einem Labrador oder „Labbi“ ungefähr so viel gemeinsam wie Heidi Klum mit Angela Merkel.

Was uns so wütend macht an dieser Geschichte ist Folgendes: Wir sind PRO Auslandstierschutz! Unsere Ideologie und unser Verständnis von Tierschutz besagt: Tierschutz macht nicht vor der Grenze halt! Hunde aus der ganzen Welt sind bei uns willkommen. Unser Tierheim ist multikulti. Wir halten Kooperationen mit ausländischen Tierschutzvereinen. Wir unterstützen Tierschützer in Rumänien, wir nehmen Hunde aus französischen Tötungsstationen auf. Und genau da liegt das Problem: Gerda weiß es vielleicht nicht besser, sie will helfen. Aber der deutsche Verein, der sollte es besser wissen! Genau dieser deutsche Tierschutzverein sollte dafür sorgen, dass er verantwortungsvoll vermittelt. Er kann seine Gerdas die Hundegruppen überfluten lassen, aber bei der eigentlichen Vermittlung muss er die Augen aufmachen. Er muss eine Familie Schmidt ausreichend beraten. Qualität muss vor Masse gehen! Nicht jeder Hund kann mal eben schnell „wegvermittelt“ werden. Zu Familie Schmidt passt kein Herdenschutzhund. Und das „Problem“ lässt sich auch nicht mit Zeit lösen. Wir wissen, dass im Tierschutz bei der Vermittlung Schwierigkeiten auftreten können. Auch wir haben unsere Rückläufer, trotz intensiver Gespräche und Vorkontrollen. Man kann Menschen eben immer nur vor und nicht in den Kopf schauen. Aber als deutscher Tierschutzverein sollte man sich darum kümmern, dass ein Plan B gegeben ist. Bei massenhaften Direktvermittlungen aus dem Ausland muss ein Platz für Rückläufer eingeplant sein. Wir können nicht jeden eurer Rückläufer bei uns aufnehmen. Und ihr könnt eure missglückten Adoptionen nicht dadurch lösen, dass ihr die Hunde mit dem nächsten Transporter zurück ins Ausland schickt und jegliche Verantwortung von euch weist.

Genau ihr sogenannten Tierschutzvereine, ihr macht den Ruf aller Vereine, die Auslandstierschutz nicht nur betreiben sondern auch leben, kaputt! Ihr seid keine Tierschützer! Ihr seid es, die den Auslandstierschutz in ein schlechtes Bild rücken. Ihr sorgt dafür, dass Veterinärämtern die Halsschlagader platzt, wenn sie „Auslandstierschutz“ hören, ihr sorgt dafür, dass Hunde wie Anton hinter Gittern landen. Ihr sorgt dafür, dass in unserer Gesellschaft ein Grundmisstrauen gegen den Auslandstierschutz herrscht. Ihr schützt keine Tiere, ihr fördert Tierleid. Und das schlimmste daran ist: ihr könnt euch nicht mal mehr an Anton erinnern. Denn er war nur einer von vielen.

Ein Gedanke zu „Ein Appell an alle Tierschutzvereine

  1. Liebe Kollegen von der Tierobhut,

    ihr sprecht uns aus der Seele! Respekt für Euern Mut, diesen Text öffentlich zu machen. Wir kennen Eure Gedanken und Sorgen nur zu gut!

    Wir unterscheiden sprachlich immer von kurzsichtigen “Tierrettern” mit der Mentalität “Nach mir die Sintflut” und
    wirklichen “Tierschützern”, die weitsichtig sind und das grosse und ganze Sehen.

    Weiterhin wünschen wir Euch gute und erfolgreiche Tierschutz-Arbeit und beste Grüsse aus dem Süden in den Norden,

    Gregor und das Pfotenteam aus Basel

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